Schlagwort-Archive: Lene Dramonte

Apulien-Roman unter der Lupe: PS. Über Apulien leuchtet die Liebe von Lene Damonte

Seit Kirsten Wulf keine Apulienkrimis mehr schreibt und Carofiglios „Nacht in Bari“ auch schon vor mehr als 10 Jahren erschienen ist, herrschte in meinem Bücherregal Apulien-Flaute, bis ich auf die Idee kam, einfach mal nach Belletristik mit meiner Wahlheimat im Titel zu suchen und zu schauen, wie Apulien in diesem Jahrzehnt im deutschsprachigen Roman rezipiert wird. Schnell stieß ich auf Lene Damontes Roman „PS. Über Apulien leuchtet die Liebe“. Ein Roman über Apulien und die Liebe? Als jemand, der in Apulien lebt und liebt, musste ich das Buch lesen, auch wenn es sich beim Namen der Autorin, über die man im Internet fast keine Informationen findet, um ein Pseudonym handeln dürfte.

Das Foto zeigt den Roman "PS. Über Apulien leuchtet die Liebe" von Lene Damonte in einem Olivembaum.
Lene Damonte: PS. Über Apulien leuchtet die Liebe, Ullstein, 2023

Schon die Umschlaggestaltung fährt alles auf, was man sich bildlich vorstellt, wenn man als Deutsche an Süditalien denkt: Das unvermeidlich rotweiß-karierte Tischtuch der Trattoria, darauf Keramikvasen mit Olivenbaumzweigen, dahinter das Meer, ein kleines Seegelboot und einen Siedlung mit weißen Häusern, die sich einen grünen Hügel hinaufzieht. Dazu der pastellfarbene Himmel – als hätte man direkt seinen nächsten Urlaubsort vor Augen. Nur die roten Ziegeldächer scheinen besser zur Basilikata als zu Apulien zu passen, was jedoch den Gesamteindruck nicht stört.

Trotzdem beginnt das Buch, das auf einen Wohlfühlroman hinzuweisen scheint, zunächst überraschend traurig. Die Leser erleben die Protagonistin Rosa dabei, wie sie in einem raschen Auftakt ihre große Liebe Lenni findet. Doch kaum hat man Lenni kennengelernt, ist er auch schon tot. Der plötzliche Tod ihres Partners im Leben wie bei der Arbeit stürzt Rosa in eine tiefe Depression, aus der sie erst mit Hilfe ihrer Freundin Petti herausfinden kann, die sie überzeugt, komplett aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen und auf unbestimmte Zeit auf Reisen zu gehen. Ihr Ziel findet sie mit Hilfe einer Postkarte aus dem Jahr 1999, die aus Apulien gesendet wurde und den Bezug zum Romantitel herstellend mit einem „PS. Über Apulien leuchtet die Liebe“ versehen ist.

Drei Tage braucht Rosa von Berlin bis Bari, doch nimmt sie die Erinnerung an Lenni, der selbst gern nach Italien gereist wäre, mit. Aber schon während Rosas erstem „Wow“ angesichts der vielen Blau- und Grüntöne des Meers, der salzigen Luft und dem weichen, warmen Sand begegnet ihr auch Mattia, der sie bittet ein Foto von sich am Meer zu schießen, das er seiner Tante schicken möchte. Dann trennen sich ihre Wege wieder, weil Rosa nach Bari fährt und dort ganz italienisch einen Aperol Spritz genießt und dann eines der typischen Gerichte der Region auswählt, welches auch in keinem Reiseführer fehlen würde: Orecchiette con cime di rapa – Öhrchennudeln mit dem Blattgrün der Rübe, ein Klassiker der süditalienischen Küche, der für deren Ursprünglichkeit und Einfachheit steht. Dann tritt auch noch ein Straßensänger auf und macht nebst einem Tiramisu als Dessert komplett, was man sich als Tourist unter einem lauen Sommerabend in Süditalien vorstellt.

Die Autorin streut auch im weiteren Verlauf der Handlung immer wieder typische Speisen, Fahrzeuge wie die Vespa oder Beschreibungen von apulischen Gegenden und Häusern als Kulisse ein, die den Roman in Apulien verorten. Dazu gehört auch das im Hinterland gelegene Gehöft mit einer lange ungenutzten Keramikwerkstatt, das für Rosa zu einem Bezugspunkt wird, an dem sie wieder Hoffnung dahingehend zu schöpfen beginnt, dass sie wieder zu ihrer Kreativität zurückfinden und die Erinnerung an Lenni loslassen kann. Darüber hinaus kommt es, wie es kommen muss: Mattia ist zufällig auch Enkelsohn der apulischen Signora Francesca, in deren Pension Rosa in Bari unterschlüpft. Mehr als einmal erweist er sich als verständnisvoller Gentleman, der Rosa zur unschätzbaren Hilfe wird, weil er weiß, wie man die Angelegenheiten auf süditalienisch regeln muss. So findet Rosa schließlich nicht nur ihren neuen Lebensmittelpunkt in Apulien, sondern auch Freunde fürs Leben, vielleicht eine neue große Liebe, aber vor allem zurück zur Lebensfreude. Und ist es nicht das, was wir Deutschen am allermeisten an den Italieniern bewundern: diese Leichtigkeit mit der man sich bei einem guten Essen umgeben von Freunden seines Lebens freut?

Rosa ist zudem Keramikerin und befindet sich durch den Tod ihres Partners in einer Schaffenskrise. Als Liebhaberin von Keramik ist sie in Apulien genau richtig. Es gibt eine lange Tradition von Formen und Dekoren, die man heute in lokalen Keramikwerkstätten (zum Beispiel in Grottaglie) noch genauso findet, wie man sie in den Ausstellungsvitrinen der Museen und Schlösser sehen kann. Wer nach Apulien kommt, kann daher die typischen Dekore mit Hähnen, Fischen, Kaktusfeigen und Zitronen auf dem Geschirr in Trattorien und Souvenirläden gar nicht übersehen. Dazu kommen Keramikpfeifen in allen Formen und Farben und nicht zuletzt auch die glücksbringenden Pumos, die man sogar als Lampenschirm mit nach Hause nehmen kann. Denn die Keramikherstellung in Apulien verschließt sich neuen Strömungen und Ideen nicht, sondern entwickelt Formen und Einsatzmöglichkeiten kontinuierlich weiter. Die Leser können sich daher sicher sein, dass Rosa in der verlassenen Werkstatt, die ihre Wirtin Francesca ihr vermittelt, auf fruchtbaren Boden treffen und ihre Schaffenskraft zurückgewinnen wird.

Wie man es bei einem Wohlfühlroman erwarten darf, stellt die Autorin Apulien fast durchgehend positiv dar. Einzig ein plötzlich auftretendes, starkes Gewitter und die Tatsache, dass Mattias‘ Hilfsbereitschaft an einer Stelle übertrieben ausgenutzt wird, bringen ein wenig Abwechslung in den sonst so „eitel Sonnenschein“. Abgesehen davon bietet der Roman seinen Lesern genau das, was er auf seinem Umschlagbild verheißt, einen etwas mehr als 300 Seiten langen Urlaub in Apulien. Wer schon mal hier war, wird vor allem das Lebensgefühl wiedererkennen. Wer noch nie in Apulien war, sollte den Roman lesen und schnell den nächsten Flug buchen.