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Eine mit KI erstellte fotorealistische Darstellungen von unendlichen Erdbeerfeldern auf sanften Hügeln am Meer für einen Beitrag über die Erdbeer-Stadt Policoro in Basilikata

Strawberry Fields Forever? – Ausflug zur Erdbeerstadt Policoro in Basilikata

Der Name „Policoro“ war bis zu unserem Besuch der knapp 18.000 Einwohner zählenden Stadt auf einem Hügel der fruchtbaren Metaponto-Ebene in der Basilikata bei mir hauptsächlich mit „Erdbeeren“ verbunden. Will nämlich ein Verkäufer seiner süßen, roten Ware hier in Bari den Anschein besonderer Qualität verleihen, wirbt er damit, dass die Früchte aus Policoro seien. Bedenkt man die Abertausenden Kilos von Erdbeeren, die zwischen Ende Februar und Ende Mai in Apulien (und sicher nicht nur hier) aus Policoro verkauft werden, stellt man sich die Region als einen endlosen Teppich von rotgepunkteten Feldern vor, der an einem Tag kaum zu durchqueren ist. Ich habe dann jedes Mal den mysteriösen Beatles-Hit „Strawberry Fields“ im Ohr, der wahrscheinlich genauso wenig mit Erdbeerfeldern zu tun hat wie die Stadt Policoro.

Während unseres Badeurlaubs am goldenen Sandstrand von Metaponto im September 2025 lag es nahe, dem Erdbeer-Mythos in der von dort aus nur noch eine halbe Stunde entfernten zweitwichtigsten Stadt der Provinz Matera auf die Spur zu kommen. Also nahmen wir die SS 106 unter die Räder und fuhren nach Policoro. Natürlich erwarteten wir im September keine sattgrünen Erdbeerfelder mit roten Früchten, aber es war schon merkwürdig, dass wir nur Honigmelonenfelder zu Gesicht bekamen. Möglicherweise drangen wir nicht weit genug ins Hinterland vor, wo vielleicht schon die neuen Pflanzen für die diesjährige Ernte wuchsen, aber generell unterschied sich meine naive Erwartung deutlich von der Realität. Auch weil im Radio Ligabue und nicht die Beatles liefen – was zugegeben meine Schuld war. Ich hätte ja nur einen USB-Stick mit entsprechender Musik einpacken müssen.

Zwischen Antike und Gegenwart: Das Zentrum von Policoro

Wir erreichten also Policoro, tasteten uns zum historischen Kern vor und parkten in der Nähe des im Schachbrettmuster gepflasterten, weitläufigen Platzes „Piazza Eraclea“, dessen Hauptattraktion die quaderförmige, weißstrahlende Kathedrale „Santa Maria d’Anglona“ bildete. Auffällig waren vor allem einige Schilder, die auf dem leeren, nur von einigen Cafés gesäumten Areal das Fußballspielen untersagten. Ein solches Schild hätte ich eher in Deutschland als in Süditalien erwartet.

Sei’s drum! Während wir heute an den Verbotsschildern der Piazza Eraclea vorbeischlendern, ahnt man kaum, dass hier vor über 2.000 Jahren griechische Bürger ihre Geschäfte erledigt haben könnten. Doch auf der gegenüberliegenden Seite weist eine Statue, die den antiken Helden Herkules zeigt, der mit einem Löwen ringt, auf die Ursprünge Policoros als antike Stadt „Heraclea“ und gleichzeitig wichtigen Teil Großgriechenlands (Magna Graecia) hin. Ein Denkmal für den Exportschlager „Erdbeeren“ konnten wir allerdings nicht entdecken.

Das „Castello di Policoro“ und seine wechselvolle Geschichte

So ließen wir also den fußballunfreundlichen Kathedralenplatz hinter uns und spazierten in Richtung Schloss. Dieses erhebt sich auf einem Hügel, hinter ein paar Büschen und Palmen, und ist ein weiteres Zeugnis der wechselvollen Geschichte Süditaliens. Im ersten Jahrhundert war es zunächst als Gutshaus entstanden, das Basilianermönche in den folgenden Jahrhunderten zu einem wehrhaften Kloster ausbauten. Im 18. Jahrhundert gelangte es in den Besitz der neapolitanischen Prinzessin Maria Grimaldi Gerace Serra, die durch ihre Abstammung unter anderem auch Marchese von Gioia und Herrin von Monte Sant’Angelo in Apulien war. Sie gestaltete das Schloss zu einem herrschaftlichen Wohnsitz um und sorgte für die Ansiedlung einer kleinen Stadt.

Im Folgenden wurde es zum Besitztum des Geschlechts Berlingieri, das es jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen einer Agrarreform verlor. Die Landwirtschaftsflächen wurden an Familien aus der Basilikata verteilt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das Schloss fiel dadurch zunächst unter ferner liefen und wurde aufgegeben, bevor es so restauriert wurde, wie wir es heute auf seinem niedrigen Hügel vorfinden. Besucher können den Innenhof durch das offene Portal betreten. Mehr Schlossbesichtigung ist jedoch nicht möglich, da sich ein Veranstaltungssaal nebst Restaurant für große Feiern sowie Anwälte mit ihren Büros darin niedergelassen haben. Auf einer Schlossmauer sitzt eine Katze, die uns verärgert über die Störung von oben herab anfaucht.

Das ruhige Policoro jenseits des Zentrums

Wir schlendern also den Hügel wieder hinunter und nehmen eine schmale Seitenstraße mit kleinen, weißen Häusern mit Spitzdach, wie wir sie auch in Pisticci schon gesehen hatten – hier jedoch in Reihenhausbauweise vor dem Schlossareal aufgereiht und nicht zufällig angeordnet. Hier sehen wir einmal mehr, wie in Süditalien Alltag und Religion Hand in Hand gehen. So wurde eine einfache Nische für den obligatorischen Wasserzähler zum Schrein für Padre Pio umgewandelt und auch eine einfache Blumenschale aus Stein erinnert eher n einen Zen-Garten mit Heiligenfigur.

Weiter unten läuft ein kleines Flüsschen durch einen Park, der von roten Backsteinmauern umgeben ist und früher den Schlossgarten beherbergte. Erdbeerpflanzen stehen hier natürlich auch nicht, aber in einem Wasserbecken baden, unbeeindruckt von unseren Annäherungsversuchen, ein paar Enten. Überhaupt ist Policoro eine ruhige Stadt, in der uns auf unserem Spaziergang mehr Katzen als Einwohner begegnen. Vielleicht waren die Letzteren zum Baden an die nahegelegenen Strände des Ionischen Meers ausgeflogen.

Das Museo Siritide in Policoro – vom Erdbeermythos zur echten Entdeckung

Sagen wir es mal so: Bis dahin waren wir von unserem Ausflug nach Policoro eher weniger begeistert. Das änderte sich jedoch schlagartig, als wir das vom Parkplatz aus winzig anmutende Museo Siritide betraten, das sich in der Peripherie der Stadt befindet. Es erwies sich nicht nur als wahre Fundgrube für Interessierte an der Geschichte des antiken Heraklea, sondern verriet auch viel über die Spuren der Völker, die hier vor den Griechen gesiedelt hatten. So versöhnte es uns – nach der unspektakulären Altstadt und der Tatsache, dass die „Stadt der Erdbeeren“ so wenig Erdbeeriges zu bieten hatte – wieder mit unserem Touristenschicksal.

Aufbau und Ausstellung

Das Archäologische Nationalmuseum Siritide zeigt auf drei Stockwerken und in neun großen Sälen, die von hinten an einen Berg gebaut wurden, Funde aus dem Gebiet um die Täler der Flüsse Agri und Sinni. Damit erhält man einen Einblick in die Frühgeschichte der Gegend bis zu den Lucanern. Das Museum bewahrt dabei Interessantes aus sakralen Stätten, Wohnstätten und Begräbnisstätten – nicht nur der griechischen Stadt Siris/Heraclea, deren Ausgrabungen der Wohnviertel sich gleich auf dem nächsten Hügel hinter dem Museum befinden, sondern auch Artefakte aus dem gesamten Gebiet. Tatsächlich platzt der Fundus derart aus allen Nähten, dass bei weitem nicht alle Stücke gezeigt werden können. Man behilft sich mit einer Vitrine, in der monatlich wechselnde Stücke aus dem Archiv gezeigt werden, über die die Mitglieder des Freundeskreises abstimmen, wie uns die freundliche Empfangsdame erklärte.

Schätze der Eisenzeit und griechische Vasen

Das Museum ist am bekanntesten für die zahlreichen Vasen aus dem „Grab des Malers von Policoro“ mit ihren Szenen aus der griechischen Mythologie. Nachdem wir jedoch schon in anderen Museen viele Gefäße aus der hellenistischen Zeit gesehen hatten, beeindruckten uns hier am meisten die Fundstücke aus der Eisenzeit. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Kopfbedeckung aus kleinen Metallringen aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., die ich erstaunlich fand, aber auch Schmuck aus Gold oder Bernstein. Sie zeigen den wichtigen sozialen Status, den die Frauen der Enotri innehatten. Mit „Enotria“ wurde die süditalienische Region benannt, zu der auch die Basilikata und Teile Kampaniens gehören. Übersetzt heißt es „Region des guten Weins“, und das erklärt wohl am besten, warum die Griechen ihr Reich bis hierhin ausgedehnt hatten.

  • Sammlung antiker Tongefäße mit zeitlosen Formen in einer Vitrine im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro
  • Scherbe eines Torso einer hellenistischen Statue mit Schwein in der Hand in einer Vitrine des Archäologischen Nationalmuseums Siritide in Policoro, Basilikata
  • Saal mit einer Sammlung von hellenistischen Vasen bemalt mit Szenen aus der griechischen Mythologie im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata
  • Ausstellungsstücke aus einem Kindergrab aus Herakleia in einer Virtrine im Archäologische Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata
  • Ein Saal mit Vitrinen, in denen antike Vasen aus hellenistischer Zeit ausgestellt sind im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata
  • Historische Münzen ergießen sich aus einem kaputten Krug in einer Vitrine des Archäologischen Nationalmuseums Siritide in Policoro, Basilikata.
  • Darstellung eines Grabs aus der Eisenzeit mit einem Skelett und Grabbeigaben in einer Vitrine des Archäologischen Nationalmuseums Siritide in Policoro, Basilikata
  • Goldener Schmuck aus Grabstellen in Siris und Herakleia in einer Vitrine im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata.
  • Informationstafeln und Karten ergänzen die Ausstellung im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata.
  • Eine Vitrine mit Grabbeigaben aus der Eisenzeit zeigen Metallringer und dekorierte Stoffe im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata
  • Eine Seite des Ausgrabungstagebuchs des Archäologen Dinu Adamesteanu im Archäologische Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata.
  • Eine originelle Aufbewahrungsbox aus der hellenistischen Zeit im Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata, hat die Form eines Hauses mit Spitzdach auf vier Stelzen und ist am "Giebel" geschmückt mit Tierköpfen.

Bemerkenswert ist die Vollständigkeit, mit der die unzähligen Fundstücke des Museums erhalten sind. Das Meiste, das nicht intakt geblieben war, konnte offensichtlich einfach repariert werden. Das weist darauf hin, dass die Gräber vor ihrer Öffnung durch Forscher über Jahrtausende unberührt geblieben waren. Deshalb fand ich es eine gute Idee, manche Exponate nicht so zu präsentieren, wie man sie überall sieht – nämlich hübsch aufgestellt in Vitrinen –, sondern so, als ob sie noch in ihren Gräbern lägen, inklusive menschlicher Überreste. So kann man sich das als Laie besser vorstellen. Damit es nicht nur bei der bildlichen Vorstellung bleibt, werden die Fundstücke in allen Abteilungen immer wieder durch große Informationstafeln und Fotos ergänzt.

Die Tafeln von Heraklea

Worauf man in Policoro ebenfalls sehr stolz ist, sind die „Tafeln von Heraklea“. Dabei handelt es sich um zwei Bronzetafeln, die zu den wichtigsten epigraphischen Dokumenten des Magna Graecia gehören. Leider werden sie nicht in Policoro, sondern im Museo Archeologico Nazionale in Napoli aufbewahrt. Sie stellen das wichtigste schriftliche Dokument Großgriechenlands dar und ermöglichen es, die Veränderungen der Stadt Heraklea von ihrer Gründung bis ins erste Jahrhundert v. Chr. auf Griechisch und Latein nachzuvollziehen. Sie gelten als grundlegendes Dokument, um die soziale, politische und wirtschaftliche Geschichte des Gebiets von Siris zu verstehen. Zum Glück haben die antiken Völker ihr Wissen auf haltbaren Materialien verewigt, was uns das Verständnis ihrer Kultur deutlich erleichtert.

Wie das Museo Siritide unseren Eindruck von Policoro rettete

Natürlich kann ich nicht alles wiedergeben, was wir in den zwei Stunden im Museo Siritide gesehen haben, aber alle drei von uns fanden den Besuch aufregend und kulturell bereichernd. Danach sind wir noch in die ausgegrabene Stadt hinter dem Museum aufgestiegen. Allerdings konnten die angedeuteten Mäuerchen der Ausgrabungsstelle gegenüber der überwältigend reichen Ausstellung im Museumsgebäude nur zurückstehen.

Niedrige Mauerreste deuten die Stadt Siris/ Herakleia in der Ausgrabungsstelle hinter dem Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata, an. Darüber erhebt sich der hellblaue Himmel.
Niedrige Mauerreste deuten die Stadt Siris/ Herakleia in der Ausgrabungsstelle hinter dem Archäologischen Nationalmuseum Siritide in Policoro, Basilikata, an.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Nationalmuseum in Policoro nach dem Museo MarTa in Taranto bisher das beeindruckendste gewesen ist, das wir in Süditalien besucht haben. Definitiv hat es unseren Eindruck von Policoro gerettet – obwohl Erdbeeren auch hier absolut keine Rolle gespielt haben.

Museo della Siritide

Adresse: Via Colombo 8, Policoro

Öffnungszeiten Museum: Mi-Mo 9 – 19:15 Uhr, Martedi 14 – 19:15 Uhr, die Ausgrabungsstätte (Park) lässt bis 18 Uhr ein

Eintritt: für Museum und Park – 6 Euro, nur Museum – 5 Euro, ermäßigt 3

*Das Beitragsbild der endlosen Erdbeerfelder, das auf PCs und Laptops zu sehen ist, wurde mit KI erstellt.