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Vor dem Betrachter breitet sich das Stadtpanorama von Pisticci in der Basilikata mti den keinen weißen Häusern mit spitzen Ziegeldächern des Stadtteils Diruppo aus.

Ausflug nach Pisticci in Basilikata: Kultur, Geschichte und Traditionen

Wenn man schon einen Badeurlaub in Metaponto einlegt, aber nicht die ganze Zeit am Strand verbringen möchte, empfiehlt sich ein Ausflug nach Pisticci. Noch vor den Toren der eigentlichen Stadt in Pisticci Scalo befindet sich das Werksmuseum „Essenza Lucano“, das uns nicht nur Dank seiner interessanten und multisensorischen Ausstellung, sondern auch mittels leckerer Cocktails begeistert hat, deren Hauptzutat natürlich der in Süditalien besonders beliebte Amaro Lucano aus der eigenen Herstellung war. Dank einer alkoholfreien Version hatte ich danach auch keine Probleme, unseren kleinen Fiat den Berg hinauf und durch die schmalen, gewundenen Straßen der Stadt bis zu einem freien Parkplatz am Straßenrand zu steuern.

Erste Eindrücke in Pisticci

Ein Spaziergang zu Kirche „Chiesa dell’Annunziata“ und Wasserturm

Im Grunde hatten wir keine Ahnung, was uns in der nur 17.000 Einwohner fassenden Stadt erwarten würde. So spazierten wir zunächst ziellos durch die Straßen, merkten jedoch bald, dass wir uns instinktiv weiter zur Begkuppe hinauf bewegten, wo in jeder süditalienischen Stadt wenigstens die unvermeidliche Kathedrale auf uns warten würde. Doch zunächst stießen wir auf einen historischen Wasserturm der lukanischen Wasserwerke (Acquedotto Lucano) und dann auf die schlichte, kompakte „Chiesa dell’Annunziata“ (dt. Kirche der Verkündigung). Hier stand die Tür einladend offen und erlaubte uns, einen Blick in das kleine Kirchenschiff mit wenigen Reihen einfacher Holzbänke und einer sehr zurückhaltenden Ausstattung zu werfen. Ein wahre Wohltat im Gegenspiel zur sonst wahrlich imposanten, mehrschiffigen und reich dekorierten Kirchenarchitektur Apuliens und Basilikatas. Dafür hatte sie sich eine kleine Gabe in den vertrauensvoll und unbewacht auf einem Tischchen stehenden Holzkasten verdient.

Geschichte und Gegenwart der Schlossruine von Pisticci

Nur ein paar Schritte weiter erreichten wir mit ca. 400 Meter über dem Meeresspiegel und mit der abgesperrten und gesicherten Ruine des normannischen Kastells aus dem 7. Jahrhundert den höchsten Punkt Pisticcis. Leider oder vielleicht zum Glück trafen wir jedoch auf eine Baustelle. Griechisch-byzantinische Mönche errichteten als erste an diesem Ort eine Festung mit Panoramablick über das Land bis hin zum Meer. Unter den Normannen wurde das Gebäude zu einem Kastell erweitert. Leider sind heute vom „Castello del Appio“, das ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen Teilen veräußert wurde und von Besitzer zu Besitzer überging, nur noch der Turm, das Gebäude der Pferdeställe, sowie einige Zimmer erhalten. Auch dem imposanten Wasserturm, dem wir auf dem Weg hierher begegnet waren, hatten in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts Teile des Schlosses weichen müssen. Gut. Da kann man nichts machen. An der Schlosstür hängt das typische Schild, das ein Projekt nebst den verantwortlichen Firmen und Personen anzeigt. Vielleicht wird man die Reste des Kastells zukünftig besichtigen können.

Von der Ruine „Castello del Appio“ zum Viertel Diruppo

Vom Kastell führt eine gerade Straße an einer Mauer entlang, die den Berg vom Abrutschen auf den darunter liegenden Teil der Altstadt zurückhält und dann auch tatsächlich auf eine imposante, orientalisch anmutende Kirche zuführt. Das ist die „Sankt Peter und Paul“-Kirche, die von einem kleinen, freien Platz aus wachend auf die Dächer der Stadt schaut.

Hier hatte es im 17. Jahrhundert einen verheerenden Erdrutsch gegeben, der viele Häuser vergespült, aber wie durch ein Wunder (natürlich) die Hauptkirche verschont hatte. In den Folgejahren baute die Bevölkerung ihre Häuser wieder auf, alle weiß und mit einem für Süditalien ungtypischen, spitzen Dach, wodurch das Viertel Dirupo entstand. Dieses Viertel wurde zum Symbol für die Wiedergeburt der Stadt und gab ihr den aktuellen Spitznamen „Die weiße Stadt der Basilikata“.

Überraschung: Die Verbindung traditioneller Kleidung der „Pacchiana“ mit Keramikkunst

Auf dem Weg durch Diruppo zur Kirche fallen uns kreative Blumenhalter an einigen Hauserwänden auf. Es handelt sich um Damen gekleidet im traditionellen Gewand der Frauen von Pisticci, wie wir es auf dem Label des Kräuterlikörs Amaro Lucano und im dazugehörigen Museum in einer Ausstellungsvitrine ganz ähnlich gesehen haben. In den Taschen der Schürze oder einem Gefäß auf dem Kopf tragen sie bunte Blumen und sind weithin sichtbare Farbtupfer an den sonst weiß getünchten Wänden. Ich finde das so schön und originell, dass meine Begeistertungsrufe und das Klicken des Fotoapparates schließlich die mittägliche Stille auf dem Felsplateau in der Basilikata unterbrechen. Zum Glück stehen Öffnungszeiten an dem verheißungsvoll geschmückten Eingang zur Keramikwerkstatt von Annamaria Pagliei und nachdem wir uns noch ein wenig die Füße in den Altstadtgassen vertreten und weitere Zeugnisse ihrer Arbeit gefunden hatten, fanden wir die Werkstatt schließlich offen.

Hier wurde meine Vermutung hinsichtlich der Keramikfrauen bestätigt. Annamaria erzählt uns, dass die traditionelle Kleidung der Frauen aus Pisticci „Pacchiana“ genannt wird. In der Vergangenheit wurde sie von jungen Mädchen getragen, die das heiratsfähige Alter erreicht hatten. Sie bestand aus einem weißen Unterkleid mit bauschigen Ärmeln und einem Rock aus dunklem Stoff mit weiten Falten. Dieser wurde von einem Gürtel gehalten und darüber trug man die Schürze. Wie man an den Keramik-Frauen sieht, gehört auch ein weißer Schal, der bis über die Brust herabfällt zur Ausstattung. Man sagt, diese Kleidung weise darauf hin, dass die Frauen von Pisticci sich eher um ihr Haus und die Straße davor kümmerten, als mit den Männern auf dem Feld oder Meer zu arbeiten. Daraus resultiert vielleicht bis heute die schmucke Sauberkeit, welche das kleine Bergstädtchen definitiv auszeichnet. Wie schön, dass Annamaria und ihre Keramik-Frauen die Erinnerung an diese traditionelle Kleidung wach halten!

Wie Annamaria Pagliei die Keramiktradition von Pisticci rettet

Nachdem dieses Rätsel nun gelöst war, erlaubte sie mir ihre Werkstatt zu fotografieren und erzählte uns, dass sie früher Lehrern gewesen war und sich nach ihrer Pension in ihrer Heimatstadt Pisticci niedergelassen hatte. Um ihre Tage sinnvoll zu füllen hat sie mit dem Töpfern begonnen und vesorgt die Umgebung mit Bonboniere, den kleinen Geschenken, die man seinen Gästen zu besonderen Feierlichkeiten wie Hochzeiten, Geburt, Taufe etc. überreicht, aber auch mit Gefäßen und anderen Dekorationsartikeln.

Dabei gab es in Pisticci, das auf einem lehmhaltigen Hügel mit zahlreichen Schluchten liegt, eine lange Tradition der Keramikherstellung, die noch bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts reichte. In vielen Brennöfen, wurden Ziegel, Backsteine und Dachziegel hergestellt, die im örtlichen Bauwesen Verwendung fanden. Außerem wurden in den Töpferein Töpfe, Pfannen, Krüge, Wasserbehälter und Haushaltsgegenstände produziert. In Ermangelung der Handwerker in Pisticci tat die quirlige Frau mit den wachen Augen also das naheliegendste und lernte das Töpfern bei den Meistern in in der 75 km entfernt liegenden Keramik-Hochburg Apuliens, in Grottaglie. Sie versucht aber, der traditionellen Keramik ihre persönliche Note zu geben und ungewöhnliche Stücke zu entwickeln. Auch ihr Kollege Felterino Onorati, der sich vor allem mit der Herstellung von Weihnachtskrippen einen Namen gemacht hat, arbeitet im gleichen Atelier.

Ich persönlich finde z.B. die Idee von Keramikblüten wunderbar. Knallrote Mohnblüten illustrieren nicht nur das auf Keramik aufgebrachte Gedicht „Paese“ von Claudia Ruscitti, das ich in Pisticci an einer Hauswand fotografiert habe, sondern einige von ihnen bilden jetzt rote Farbtupfer auf meiner Terrase, was besonders im Januar sehr optimistisch wirkt, wo nicht so viel blüht. Aber auch die Weinreben oder Kaktusfeigen aus Keramik an einer Hauswand von Pisticci finde ich super, besonders weil man sie nicht gießen muss.

Lohnt sich also ein Ausflug nach Pisticci?

Kurz gesagt: Ja. Wir jedenfalls verließen den zunächst recht unspektakulär wirkenden Ort zwischen Metaponto und Policoro mit dem Gefühl, wieder etwas Besonderes entdeckt zu haben. Hier war es uns gelungen, tiefer in die lukanische Tradition einzutauchen und eine beeindruckende Frau kennenzulernen, die auch im Ruhestand mit ihrer Arbeit gleich zwei wichtige Traditionen lebendig hält.

Wohin danach?

Hier meine Tipps:

  1. nur 10 min bis Museo Essenza Lucano mit seiner multisensorischen Ausstellung zur Geschichte des beliebten Kräuterlikörs Amaro Lucano
  2. 25 min zu den Stränden von Metaponto
  3. 25 min hinauf auf den Hügel und mal schauen, ob das Kastell in Bernalda  wieder geöffnet ist
  4. 30 min bis Policoro mit dem interessanten Nationalmuseum „Sirtide“
  5. 60 min bis Matera: Die Stadt ist Weltkulturerbe der UNESCO und fasziniert mit ihren historischen Höhlenwohnungen. 2019 wurde sie zur Kulturhauptstadt ernannt.
  6. 60 min in die Gegenrichtung nach Taranto, eine mondäne Stadt am Ionischen Meer, deren neuere Geschichte eher Fluch, die ältere jedoch eine kulturhistorische Fundgrube ist