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Wachturm, Außenansicht Kastell von Lagopesole, Museo dell'Emigrazione Lucana, Basilikata, Süditalien

Wo ist der See von Lagopesole geblieben? – Spurensuche in der vielleicht interaktivsten Ausstellung Süditaliens

Der verschwundene See von Lagopesole – Rätsel der Basilikata

Der See von Lagopesole, der in historischen Quellen und Erzählungen immer wieder erwähnt wird, ist heute nicht mehr sichtbar. Wer den kleinen Ort Castel Lagopesole bei Avigliano in der Basilikata besucht, sucht vergeblich nach einem „Lago“. Und das, obwohl wir von unserem Aussichtspunkt im nahe gelegenen Pietragalla eindeutig Wasserflächen erspäht hatten.

Vielleicht, so dachten wir, würde uns der Besuch des Kastells von Lagopesole dieser Frage näherbringen. Doch über unseren Vesuch in Pietragalle war es Mittag geworden – und über Mittag geht in Süditalien bekanntlich gar nichts. Schon gar kein Schlossbesuch. Also ließen wir uns zunächst zu einem Picknick unter einem weit ausladenden Baum vor dem Schloss nieder.

Erstaunlich war jedoch, dass die Tore bereits um 15:30 Uhr wieder öffnen sollten, denn normalerweise dauert die süditalienische Siesta bis etwa 17 Uhr. Welch ein Glück für uns! Ein doppeltes sogar: Nachdem wir uns mit belegten Brötchen, Obst und Taralli gestärkt hatten, brachen die weniger Müden zu einer Erkundungstour auf, während die anderen auf der Picknickdecke genau das taten, was Süditaliener an einem freien Tag zwischen 14 und 16 Uhr bevorzugen – schlafen nämlich.

Gab es den See von Lagopesole wirklich?

Um es vorwegzunehmen: Ja, den See von Lagopesole hat es tatsächlich gegeben. Historischen Hinweisen zufolge wurde das Gewässer jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von seinen damaligen Eigentümern trocken gelegt. Heute erinnert in der Landschaft nichts mehr an den ehemaligen See – und genau das macht seine Geschichte so rätselhaft.

Während wir uns dieser Antwort auf diese Frage näherten, bot der Berghang, von dessen Kuppe das Kastell von Lagopesole hinüber zum Monte Vulture blickt, gleich zwei Naturlehrpfade für nimmermüde Mütter und deren nicht unterzukriegende Kinder, die bekanntlich nie schlafen. Schon gar nicht zur Mittagszeit und erst recht nicht in der Nähe eines möglichen Abenteuers.

Der rechter Hand liegende Pfad führte entlang mehrerer Infotafeln, die auf Nisthilfen für verschiedene ansässige Vogelarten hinwiesen, und der aufmerksame Nachwuchs entdeckte diese Nisthilfen sofort sowohl in den Bäumen als auch unter Sträuchern. Nach etwa 200 Metern endete der Weg jedoch an einer Absperrung, sodass wir umkehrten und uns stattdessen auf den linken Lehrpfad mit Informationen zu den Raubvögeln der Region begaben.

Auf einem Bänkchen, mit beeindruckender Aussicht über eine grüne Ebene bis hinüber zum Monte Vulture, klärte schließlich unsere Freundin Erika mithilfe des Internets das Mysterium des fehlenden Sees wie oben beschrieben endgültig auf. Dass man vor rund hundert Jahren freiwillig auf einen See in einem so lauschigen Tal verzichtet hatte, erschien uns – gerade angesichts der heutigen Trockenheit in Süditalien – dennoch mehr als bemerkenswert.

Geschichte des Kastells von Lagopesole

Ausgeruht und bereit für einen Schlossbesuch, erreichten wir pünktlich um 15:30 Uhr das massive Holztor des mittelalterlichen Kastells von Lagopesole. Eine freundliche Mitarbeiterin ließ uns ein und erklärte, dass das Gebäude, das Ende der 1990er Jahre umfassend restauriert wurde, ursprünglich dem Sohn von Friedrich II. gehörte. Später ging es in den Besitz von Karl von Neapel über. Doch heute ist es „königslos“ und beherbergt die italienische Forstbehörde.

Im Kastell befindet sich heute außerdem ein O-Ton „Regionalmuseum“, das an diesem Tag kostenlos besucht werden konnte – es war schließlich der erste Sonntag im Monat.

Die interaktive Ausstellung im Museo dell’Emigrazione Lucana

Wenn man „Regionalmuseum“ hört, dann denkt man an bäuerliche Kultur und eine Ausstellung von alten Ackergeräten. Aber damit hat dieses Museum über die „Emigration aus Lukanien“ (Museo dell’Emigrazione Lucana) nur bedingt zu tun. Im Gegenteil, es hat uns von Anfang an wirklich begeistert. Kaum ist man durch die Eingangstür getreten, bekommt man den Reisepass eines Auswanderers aus Basilikata übergeben und nimmt dessen Identität an. Dann folgt man an interaktiven Stationen seinen Spuren und erfährt so jede Menge nicht nur über den individuellen Lebensweg der Person, sondern auch über die Auswanderer im Allgemeinen. Man versteht, dass sie ein mühevolles, ländliches Leben in der dazumal stets feuchten und von Malariamücken verseuchten Vulture-Region gegen ein nicht weniger mühevolles, gefährliches und nicht selten von Heimweh geprägtes Leben fern der Heimat eingetauscht haben. So hat es sie beispielsweise als billige Arbeitskräfte in die Kohleminen der Niederlande, in die Schneidereifabriken der USA oder nach Südamerika verschlagen.

Hinter neugierig machenden Türchen verstecken sich historische Zeitungsartikel wie der über die Havarie eines Immigrantenschiffs in erbärmlichen Konditionen, der an die aktuelle Situation im Mittelmeer erinnert. Große Überseekoffer lassen sich öffnen und aus den darin versteckten Lautsprechern erfährt man beispielsweise, womit ein durchschnittlicher Auswanderer reiste und, was sein Anzug, die Socken, die Unterwäsche etc. damals gekostet haben.

In Erinnerung geblieben ist mir auch ein Tisch mit einer Touchscreenoberfläche, an dem man Briefe anwählen kann, welche Emigranten an ihre Familien geschrieben haben oder die Familie an ihre ausgewanderten Männer, die dann vorgelesen werden. Oder man kann einen typischen Englischtest für Einwanderer mitmachen, der für heutige Sprachtests undenkbar einfache Aufgabenstellungen wie „Aus wie vielen Wörtern besteht der folgende Satz?“ enthält. Es ist ein Museumsbesuch der gleichermaßen überrascht, erstaunt, empört und bewegt. Wer hätte das von einem dieser typischen friderizianischen Kastelle mitten im Jottwede erwartet?

Die Auflösung der See-Frage

Am Ende erschloss sich uns auch, warum die Besitzer der Gegend den See von Lagopesole trockenlegen ließen: Im 18. und 19. Jahrhundert war die Vulture Region ein wahrer Morast, der den Kontakt zwischen den Orten, sowie den Ausbau der Landwirtschaft und vor allem die industrielle Entwicklung unmöglich machte, weswegen die Menschen bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein ziemlich isoliert, einfachst und in unhygienischen Zuständen mit ihren Nutztieren unter einem Dach lebten. Die Entwässerung der Gegend diente daher nicht nur der Verbesserung der Bevölkerungsgesundheit, sondern erleichterte auch die Reise in den nächsten Ort, der bis dahin zwar vielleicht nur einen Berg entfernt gelegen hatte aber ungleich schwierig zu erreichen gewesen war.

Nun verwunderten uns Touristen auch die Häuserskelette auf den Hügeln und die Leerstände in den Städten der Basilikata etwas weniger. Wussten wir jetzt doch über den zweihundertjährigen Exodus aus Lukanien Bescheid.

Lohnt sich der Besuch des Kastells von Lagopesole trotz des fehlenden Sees?

Mit einem Wort: Ja. Wir haben vom Besuch des Museums im mittelalterlichen Gewand, aber auf der technischen Höhe des 21. Jahrhunderts, so viel Wissen und Verständnis für die Region mitgenommen, das diese uns nur noch mehr ans Herz gewachsen ist. Wer zwischen den Küsten Süditaliens unterwegs ist und die aktuelle Situation der Region verstehen will, sollte daher unbedingt in Lagopesole Halt machen.

Hier geht es zur umfangreichen Internetseite des „Museo dell’Emigrazione Lucana“.

Ausblick auf den inaktiven Vulkan Monte Vulture in Basilikata